Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit, um zu überlegen wie
mein Jahr war und wie es nicht war, weil ich noch 48 Stunden habe, um dieses
Jahr zu etwas anderem zu machen, als es war, oder um noch ein bisschen nur
zuzuschauen, ohne zu hinterfragen. In meinem Kopf ist das letzte Jahr ein
Haufen aus Erinnerungen, sie liegen unsortiert in einer Ecke wie getragene Kleidungsstücke und warten darauf, dass ich eine nach der anderen hochhebe,
daran rieche, sie auschüttle, sie falte und in den Schrank lege, oder in den
Wäschkorb knülle. Dass ich sie irgendwie wegsortiere, damit ich im nächsten
Jahr weiß, wie das Jahr war, was ich von diesem Jahr halte und wie ich davon
reden kann, wenn mich jemand fragt, wie war letztes Jahr, damit ich
einfach die Schranktür aufmache und dort liegen die Geschichten, bereit zum anziehen
und vorführen, bereit zum angeben.
Einmal wachte ich in einem Zelt auf, weil die Sonne so warm
darauf schien und mir viel zu heiß wurde in allen Pullovern, die mich
vor der Kälte der Nacht geschützt hatten. Einmal saß ich am Steg und Felix
sagte, komm mit, und ich kletterte direkt vom Steg auf ein Surfbrett und dann trieben
wir davon, bis zur Sandbank am Ende des Sees. Einmal saß ich auf einem Stuhl in einem Klamottenladen
und hab gesungen und Fremde haben mir ihren Freitagabend geschenkt und ich war
wahrscheinlich nie so nervös in meinem ganzen Leben. Einmal hatte ich eine
Ziege auf dem Arm, die anfing, an meinen Haaren zu knabbern. Einmal hab ich mit Tete und Tom Pizza im Schanzenviertel gegessen. Einmal saß ich in einem VW-Bus und Noah Gundersen lief, Honest Song, und ich hätte fast
angefangen zu weinen. Einmal hab ich mit David und Janne getanzt, zu dritt im
Discoraum. Einmal bekam ich Post von Theresa, die mein Gedicht illustriert
hatte und ich hatte vergessen, dass es ein sehr schönes und ehrliches Gedicht
war und wie gut Theresa ist und es hat mich alles dermaßen vom Hocker gerissen, es ist ein kleines Buch, ich hab ein Buch geschrieben.
Einmal stand ich mit Janne vor er Bühne von The Staves und wusste wieder, was ich will.
Einmal hat jemand meine Hände geküsst. Einmal hat Jonas mir erklärt, wie schön
es ist, singen als Hobby zu haben, für Freunde zu spielen, keinen Erfolg haben zu
müssen. Einmal hab ich mit Gez und Alison geredet und sie wussten, dass aus mir
irgendwas wird, irgendwas, was ok ist, vielleicht mehr als das. Einmal bin ich
die engste und steilste Treppe hochgelaufen und sie hieß Himmelsleiter. Einmal
lag ich mit Sonja auf dem neuen Sofa und hab When Harry Met Sally geguckt, zum
hundersten Mal vielleicht. Einmal war ich in Bochum bei Sarah. Einmal war ich
in Köln bei Uta. Einmal gab es muckelig. Einmal hatte ich Geburtstag. Einmal hat Katja geschrieen wie am Spieß und
dann so laut gelacht, wie nur sie lachen kann. Einmal lagen wir beide in meinem
Bett und lehnten die Beine an die Wand und ich las etwas vor, etwas weises aus
dem Buch Kohelet. Einmal tanzte ich mit italienischen Omas und Opas im Kreis.
Einmal half ich beim Umzug. Einmal sang ich in einer Kneipe und die meisten
hörten nicht zu. Einmal hab ich so richtig laut gelacht, wegen einer Facebook-Nachricht von Ed. Einmal starb jemand, den ich liebte. Einmal hab ich Basketball
gespielt, einmal ein Turnier gewonnen, einmal war ich auf einem Kirchturm,
einmal war ich im Kino und hab geweint, einmal war ich auf einem Konzert von
Kate Nash und fand alles daran atemberaubend, einmal sang ich Nikolauslieder mit
dem Nikolaus, einmal hörte ich Rob zu, einmal warteten Janne und ich an der
Bushaltestelle, sie lehnte an der Gitarre und ich saß auf dem Akkordeonkoffer,
einmal war Balkino und die Katze im Film hieß wie einer von uns und wir haben
alle drei gekichert. Einmal gab es Waffeln mit heiße Kirschen und Sahne und Eis
bei Johanna, einmal saß ich auf dem Balkon in Essen und hab mit Anna und Becci
in der Sonne Orangen geschält, einmal war Weihachten, einmal war Ostern, einmal
war Haldern Pop Festival, einmal war ich im Lake Distrikt und wir sind bis zum
Gipfel gewandert, wo noch Schnee lag und wir waren euphorisch und haben uns
gefühlt, als hätten wir gewonnen, obwohl wir nicht wussten, was. Einmal haben
Dave und ich ein Feuer im Kamin angemacht und dann Bob Dylan Lieder gesungen.
Einmal lag ich mit Janne im kleinen roten Zelt und die ganze Nacht prasselte der
Regen, laut, stark und gemütlich.
Diese ganzen Einmals waren mein Jahr, zusammen mit den Wegen,
die es von einem zum anderen Einmal gebraucht hat, jetzt liegen die Erinnerungen im Schrank, nach Farben sortiert. Die Frage ist nur. Ist das, was ich jetzt fühle
und alles, was ich noch weiß, alles, was ich noch von mir weiß und den Minuten,
die ich noch weiß, ist das irgendwas wert oder ist das rekonstruiert? Und wenn
ja, was macht das für einen Unterschied, und ist es bedenklich, dass ich mich
fast nur an überglückliche Dinge erinnere, an Leichtigkeit und Hoffnung, dass
die Geschichte dieses Jahres in Zukunft sein wird: Das Jahr, in dem ich
überglücklich war, ist das bedenklich, will mir das was sagen? Auch dass, was
ich jetzt über die Schwermut denke, wenn was weh tut, dann
weil es wichtig ist und wenn es chaotisch ist, dann nur, damit es nicht
langweilig wird und wenn mich jemand ignoriert, dann, damit ich verstehe, wer
mich die ganze Zeit schon ansieht und wenn ich Angst hab, dann, damit ich weiß,
an welcher Stelle ich größer werden kann, und wenn ich zweifle, dann damit ich die Richtung kenne, in die ich mich bewegen muss und wenn ich die Religion verlasse
oder mich davon verlassen fühle, dass ich dann endlich einfach die Tochter
eines Vaters sein kann, und dass nur das ist, was es eigentlich ist.
Liebe Eva-Freunde. Danke fürs Lesen, Zuhören, Mitlachen, danke für die Post, danke für die Blumen, danke für die Zeit, danke für Schlafmöglichkeiten, danke für jedes Ja, danke für jede Idee und jeden Kaffee und jede Umarmung, danke dass ihr mich beim Campingtrip überredet habt, sofort loszufahren und nicht noch zu warten, bis meine Wäsche trocken ist. Was wäre ich ohne euch.


























